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Transformationsstrategien: Diese ökonomischen Trends prägen Versicherungen und deren IT

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Ali Rahimi ist Systemintegration-Experte im Dock Finsure Integration bei IKOR

Neue Geschäftsmodelle und Kostenersparnis durch konsolidierte IT-Landschaften in der Versicherungswirtschaft: Diese Trends beeinflussen maßgeblich, wie Assekuranzen ihre Angebote diversifizieren sowie neue Kunden und Vertriebskanäle erschließen. Und wie sie Prozesse, IT-Landschaften und Mitarbeitende auf künftigen Change-Anforderungen vorbereiten. Ohne Konflikte sind neue Geschäftsmodelle und IT-Konsolidierung zwar kaum möglich, aber es gibt Handlungsoptionen. 

Warum Veränderung viele Implikationen hat

Sinkende Gewinnerwartungen am Markt, Preisdruck und Überlegungen, Kosten an Kunden durchzureichen, bestärken viele Versicherer darin, ihre ökonomischen Expansionspläne und die IT-Konsolidierung voll auf deren Kunden auszurichten. Um gegenüber Kunden preisstabil zu bleiben, lassen sich langfristig Kosten über Prozess- und Systemkonsolidierung, Automatisierung und Skalierung sparen. Sachbearbeiter:innen, die in IT und Datawarehouse wechseln, werden, um ein Beispiel zu nennen, auf die Arbeit mit Low-Code-Plattformen trainiert. Mit Low-Code- oder gar No-Code-Tools passen Fachbereichsnutzer automatisierte Prozesse eigenständig, weitgehend sicher, selbstständig und unabhängig von den darunterliegenden IT-Systemen an. So gelingt es Assekuranzen, zu automatisierten Entscheidungen zu gelangen und Kunden in der erweiterten Ausbaustufe bessere Services – bei stabilen Preisen – zu bieten. 

Automatisierung – ein mächtiger Hebel für Skaleneffekte – gestaltet sich allerdings in jeder Versicherungssparte anders: Im Kfz-Schadenbereich stützt sich die Fallbewertung auf Bilderkennung. Schon jetzt kann eine Künstliche Intelligenz (KI) meist zuverlässig über eine Regulierung entscheiden. Die KI-Fehlerquote rangiert bei einfachen Geschäftsvorfällen aktuell bei rund ein bis drei Prozent. In der datenseitig komplexeren Sparte Betriebshaftpflichtversicherungen ist das anders. Die Fehlerquote, hier im zweistelligen Prozentbereich, weiter zu reduzieren, dürfte jedoch in den kommenden Jahren gelingen. Smarte, automatisierte Prozesse sowie die vollständige Integration diverser Plattformen und die Verarbeitungsfähigkeit unstrukturierter Informationen werden diese Entwicklung vorantreiben. 

Skaleneffekte zu erzielen, erfordert flexible Systeme

Smarte Prozess- und Systemarchitekturen versehen außerdem unterschiedliche Kundengruppen mit verschiedenartigen Risiken und sorgen beispielsweise dafür, diese Menschen marketingseitig treffsicher zu adressieren bzw. erfolgreich an Police und Brand heranzuführen. Komplette Systeme für ein ähnliches Vorgehen zu duplizieren und auf andere Bereiche und Sparten zu übertragen, hilft nicht nur dem Marketing. Hier unterstützen Container. Sie packen Code in Pakete und enthalten alle erforderlichen Komponenten und Abhängigkeiten gekapselt. Ein Beispiel ist Kubernetes, ein Open-Source-System zur Automatisierung von Container-Anwendungen. In einer skalierfähigen, „cloudifizierten“ Infrastruktur orchestrierte Container verleihen dem Geschäft enorme Flexibilität: 

  • Wer Geschäftsbereiche konsolidiert, kann seine Bestände technisch in logisch und physisch getrennte Systeme verlagern:
    • Ausgliederungen lassen sich beschleunigen, einfacher durchführen und Bestände nachträglich systematisch clustern. Für Ver- und Einkäufer bedeutet das Kosteneffizienz.
    • Werden Systeme autark geführt, lässt sich die Regulatorik selbst bei Ausgründungen oder Eingliederungen leichter einhalten. 
  • Auf aktuelle Compliance-Vorgaben reagieren: Systemische Veränderungen, Ergebnis einer vollwertigen Plattformintegration, lassen sich per Mausklick anpassen. 
  • Moderne Systeme erheben, verarbeiten und nutzen interne und externe Daten automatisiert. Unternehmen können Zielgruppen-Cluster individuell und über passende Customer Journeys ansprechen. 

Die Kundenschnittstelle besetzen

Über eine effektive Kundenschnittstelle und neue Customer Journeys (etwa wegen Nutzung von Vergleichs- und Maklerportalen wie Check24 oder Verivox) expandieren Versicherer leichter in neue Märkte und angrenzende Branchen. Es ergeben sich neue Optionen für strategische Abverkäufe, während Zukäufe durch eine Befreiung von monolithischen IT-Architekturen beschränkt sind. Lösungsszenarien umfassen die Bestandsübernahme in vorhandene Kernsysteme. 

Neue Vertriebskanäle von Partnern und Drittanbietern wie Automobilherstellern oder Banken lassen sich im Sinne des „Open Insurance“-Gedankens ebenfalls aufnehmen: Es ist möglich, Schnittstellen für direkte Kundenanfragen über neue Plattformen à la Gorillas oder Flink zu integrieren. Bestände können außerdem in einem neuen System angesiedelt werden, während der Bereich Finance im bestehenden SAP-System verbleibt. Last but not least ist es möglich, neue Sparten in bestehende Portale einzubinden.  

Neue Geschäftsmodelle erfordern Multipartneransatz

Eine Assekuranz, die ihr Produkt als Plattform und per Open-Insurance-Ansatz verkauft, wird schnell selbst zum IT-Anbieter. Code und Plattform sollten dann jedoch nicht durch eine Partei kontrolliert werden. Zielführend ist es, wenn alle Prozessbeteiligten (u.a. Makler an der Kundenschnitt- stelle) die Plattform nutzen dürfen; sie geben jedoch regelmäßig Updates und Fixes zurück an die Community. Nur so nehmen alle Partner an erfolgreichen Transaktionen teil, ohne dass die geschäftliche Autonomie einzelner gefährdet ist. 

Obwohl der technische Betrieb die Wertschöpfung sicherstellt, ist die klassische IT auf derart agile IT-Transformationen oft nicht vorbereitet. Um das Risiko zu minimieren, verlagern Versicherer ihr Dritt-und Partnergeschäft daher tendenziell auf Plattformen: Dort ist nur eine einzige Wartung erforderlich; es kommt auch nur eine einzige Hosting-Technik zum Einsatz. 

Skaliert wird per Hyperscaler bzw. in hybriden Clouds. Feine Unterschiede wie abweichende Marktregularien sind technisch und integrationsagnostisch beherrschbar. Passgenaue Systeme – idealerweise Systemintegrationsplattformen wie die Open-Source-Lösung SIP – vereinfachen die dahinterliegenden Prozesse und ermöglichen autarke, polyzentrische und crossfunktionale Systeme. Deren entkoppelte Strukturen befeuern die Agilität durch einen End-to-End-Verantwortlichen pro Prozess. Die Organisation wird vertikalisiert. 

Wie sich Konsolidierung auf die Organisation auswirkt

Eine Systemintegrations-Plattform erfordert viel Aufmerksamkeit bei Konzeption und Realisierung und muss bei Hardware und IT-Linie pro Sparte schlank angelegt sein, denn: Die Halbwertszeiten und die Wartungszyklen von modernen, Java-basierten Systemen haben sich, u.a. aufgrund von Sicherheitsanforderungen, mittlerweile auf sechs Monate verkürzt. Für den IT-Betrieb bedeutet das ein halbjährliches Upgrade sowie Last- und Performance-Test, Pentesting und funktionale Tests. Schnell wirken sich IT-Transformationen darum so stark auf Organisationsaufbau und -ablauf aus – auf alle Schichten und Silos sowie die IT selbst. Dank Systemintegration profitieren Assekuranzen von Einsparungen bei Infrastruktur und Dienstleistern mit aktuellem Tech-Fokus. Doch selbst, um alte Systeme loszuwerden, sind Entwickler erforderlich. 

Dringliche Konsolidierungsaufgaben haben vorerst Vorfahrt

Beim Abwägen der strategischen Dringlichkeit, neue Geschäftsmodelle zu erschließen oder die IT-Landschaft zu konsolidieren, müssen „Low Hanging Fruits“ – also mit überschaubarem Aufwand realisierbare (Marketing-) Ziele – oft „hängenbleiben“. Ad-hoc-Ziele kreisen hingegen darum, die Risiken betagter Mainframes plus Verrentung des dazugehörigen Fachpersonals zu kompensieren und Wartungskosten zu reduzieren. Dennoch haben auch die Mitarbeitenden einen wesentlichen Anteil an erfolgreichen Geschäftsmodellen – daran, Anwendungen zu virtualisieren und Customer-Journeys mit 360-Grad-Kundensicht tatsächlich End-to-End zu realisieren.

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Der Beitrag ist im „Versicherungsforen Themendossier 17/2022“ vom 15. September 2022 erschienen